LILITH

Uraufführung, Neukomposition Manuel Zwerger

Text: Bibel, Octavia E. Butler, E. T. A. Hoffmann, Mary Shelley

mit dem ENSEMBLE MODERN

Akademie Musiktheater Heute

 

Frankfurter LAB

Premiere: 21. November 2019

 © Deutsche Bank Stiftung/Hansjörg Rindsberg

 

Gesang · Merle Bader, Harald Hieronymus Hein

Orchester  ·  Ensemble Modern

 

Komposition  ·  Manuel Zwerger

Musikalische Leitung  ·  Jonas Ehrler, Felix Mildenberger

Regie · Alicia Geugelin 

Dramaturgie · Jim Igor Kallenberg

Bühnenbild · Sang Hwa Park

Kostümbild · Pia Preuß

Licht  ·  Matthias Rieker

Im Anfang ging ein Riss durch Himmel und Erde, ein Riss in dessen Abgrund wir, das entzweite Ebenbild Gottes, uns immer wieder von neuem werfen. Die Paradiesgeschichte öffnet die Koordinaten einer asymmetrischen Dreierkonstellation, in der wir nackt einem voyeuristischen Blick ausgesetzt sind, in der wir nach Gott fragen und keine Antwort bekommen, verführt werden und uns schämen. Du, ich und der Abgrund dazwischen.

Mit Worten und Blicken, Stimmen und Berührungen projizieren wir etwas in den Abgrund zwischen uns und bewohnen ihn mit unseren Projektionen. Was aber, wenn wir irgendwann merken, dass der Andere unseren Projektionen nicht entspricht? Diese Erfahrung macht auch Pygmalion an seinem Kunstwerk, E.T.A. Hoffmanns Nathanael an Olimpia, Mary Shelleys Dr. Frankenstein an seinem Monster und die transsensuellen Oankali-Aliens an Lilith in Octavia E. Butlers black-xenofeministischem sci-fi Roman Dawn. Und musste nicht Adam an Eva, dem „Fleisch aus seinem Fleische“, und musste nicht auch Gott diese Erfahrung am Menschen, seinem Ebenbilde, machen, der das Paradies verlässt, um ein neues zu bauen? Die Begegnung mit dem Anderen kennt keine Garantie, aber mit der schrecklichen Scham kamen auch das Begehren und das biblische „Erkennen“ zwischen die Menschen, mit dem Ausschluss aus dem Paradies die menschliche Freiheit.

Als hätte der Bibeltext selbst einen Filmriss, erzählt Genesis 1 die Erschaffung des Menschenwesens zweimal. Liegt dazwischen vielleicht Lilith, nach jüdischen Sagen die erste Frau Adams, die die patriarchale Rollenverteilung nicht akzeptiert hat und – das Urtrauma Gottes – aus dem Paradies geflohen ist? So musste sie nicht nur aus dem Paradies, sondern auch aus dem kanonischen Bibeltext gestrichen werden. In die Lücke, die Lilith reißt, tritt der Apfel am Baum der Erkenntnis, der „eine Lust für die Augen wäre und verlockend“, ein imaginär überladenes und zugleich sinnloses, leeres Ding, eine lärmende Abwesenheit, ein unverständliches Drittes, um das herum sich jede Begegnung spinnt. 

PRESSESTIMME

"Dreiecksbeziehungen sind in geschlechtlicher wie geschäftlicher Beziehung Anlass für starke Gefühle. Und damit ein idealer Stoff für Opern, wie sie die Deutsche Bank Stiftung bei Stipendiaten „Akademie Musiktheater heute“ in Auftrag gegeben hat."

"Im Stück „Lilith“ von Manuel Zwerger geht es um die problematische Dreiecksbeziehung von Gott, Adam und Eva. Eine an Fäden bewegliche Birkenstumpf-Puppe erinnert an die Olympia E.T.A. Hoffmanns mit all ihren psychologischen Implikationen. Inspiriert von Octavia E. Butler und Mary Shelley, spann sich ein Faden zu den Nachwirkungen in der „Me-Too“-Debatte. Regie führte Alicia Geugelin, die Dramaturgie lag bei Jim Igor Kallenberg. Die Musik kam gut an, nicht zuletzt wegen ihrer Rückgriffe in die Romantik."

 - FAZ 23.11.19, Doris Kösterke